Willkommen im Trollhaus! Aber Achtung: Das virtuelle Gebäude ist voller Fallen, glitches, und in sich weit verzweigt. Es geht um das Geflecht von Fragen, das sich zwischen virtuellen und realen Welten, Mikro- und Makropolitiken und zwischen den Kontinenten auftut. Oder anders gesagt: Es geht um Gemeinschaftsbildung im Zeitalter digitaler Kommunikation. Vier Internetaktivist*innen, Unternehmer*innen und Kulturschaffende rufen mit einem internkontinentalen Kongress auf zur Selbstermächtigung im digitalen Raum. Schliesslich ist einer von ihnen durch Bot Angriffe auf seinen häuslichen Maschinenpark fast ums Leben gekommen. Darüber hinaus erschweren kommerziell kontrollierte Strukturen die zukunftweisenden Aktivitäten im Netz – gerade wo es um das Machtgefälle zwischen Nord und Süd geht. Wie lassen sich neben Troll-Attacken, undurchsichtigen Mittelsmännern und Zensurmassnahmen neue Sprechweisen und Besitzverhältnisse entwickeln? Welche Formen des Widerstands sind heute denkbar zwischen digitaler Organisation und realräumlichem Protest? Die theatrale Installation ist als Denkraum angelegt, in dem das Publikum in den vergemeinschaftlichten, transnationalen Umgang mit digitalen Möglichkeiten einbezogen ist. Bis ruchbar wird, dass ein übergreifendes Bewusstsein den Kongress mitgestaltet …  
    Die dokumentarische Klammer zum Pro­jekt lieferten zwei Workshops zur Geschichte des Internetaktivismus. Durchgeführt haben sie KMUProduktionen mit Cyberaktivist*innen, Blog­ger*innen und Medienkünstler*innen aus dem deutschsprachigen Raum und aus Tunesien – auch im Rückblick auf die arabische «Facebook­ Revolution». In der künstlerischen Umsetzung entwickeln die vier Darsteller*innen – Riad Hamdi und Najoua Zouhaïr aus Tunis und Vivien Bullert und Christoph Rath aus Zürich – zusammen mit dem tunesischen Musiker Jihed Khmiri in offenen, rund 70­minütigen Variationen einen sich ständig verändernden Kosmos, in dem die brennendenFragen des Cyberzeitalters erlebbar werden: Wer kann wem vertrauen? Wer kontrolliert wen und womit?Und welche neuen Gemeinschaften entstehen aus den Verflechtungen von Virtu­alität und Realität?

Dauer: 70 Minuten, in drei Loops | Sprachen: Tunesisch, Französisch, Deutsch

Besetzung
Schauspiel: Vivien Bullert, Riadh Hamdi, Christoph Rath, Najoua Zouhaïr | Musik & Perkussion: Jihed Khmiri | Text & Projekt: Tim Zulauf – mit Azyz Amami, Lina Ben Mhenni, Cahine Gharbi, Haythem El Mekki, Jessica Huber, Wala Kasmi, Shusha Niederberger, Cornelia Sollfrank, Alexander Tuchaček, Christoph Wachter & Mathias Jud und Cecily Walti | Dramaturgie: Andreas Storm | Bühne, Kostüm: Monika Schori | Licht: Michael Omlin | Sound: Susanne Affolter | Œil extérieur: Alexander Tuchacek, Shusha Niederberger | Produktionsleitung: Katharina Balzer | Assistenz: Sarah E. Müller | Fotos: Nik Spoerri

Aufführungen
Zürcher Theater Spektakel, 19. bis 23. August 2017 | Biennale Dream City Tunis, 4. bis 8. Oktober 2017

Stimmen
«Darüber hinaus sind wir an diesem Ort (Dar Lassram) Zeuge einer sehr zeitgenössischen Form der Inszenierung, angesiedelt zwischen einer Installation und einem sehr analytischen Ansatz, der es sich ‹erlaubt›, spezifische Themen von Kongressen, Debatten oder andere Formen professioneller Treffen zu dramatisieren. […] Tim Zulauf gelingt es mit diesem Ansatz, das Bewusstsein des Publikums durch die Kraft der Umstände zu schärfen, indem er einen ungewöhnlich ultra-realistischen Ansatz ins Theater zurückbringt.» La Presse, Tunis, Asma Drissi
«… die Intensität eines gegenwartsbewussten und zukunftsweltlichen Denkens …» Tages-Anzeiger, Christoph Scheider
«Es geht in ‹Trollhaus› um Sprache und Technologie, um Kommunikation und Protokolle. Es geht dann um die Sache des Theaters selber und seine Herstellung: Wie schafft es sich seinen Raum? Und nicht zuletzt: Es geht um uns. Es ist also eine Zumutung im besten Sinn.» Der Landbote, Stefan Busz